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Ewige Anbetung Mainz

Wir leben eine der Facetten im Leben Jesu

Die Klarissen-Kapuzinerinnen von der Ewigen Anbetung in Mainz

Es ist der 17. Juni 2015 und ein sehr schöner, angenehmer Tag, an dem ich mich mit Sr. Maria Franziska Katharina Spang in ihrem Kloster in Mainz verabredet habe. Draußen finden die Vorbereitungen zum Johannisfest statt, mit all der Betriebsamkeit, die das große Mainzer Volksfest so mit sich bringt. Mittendrin in den Einkaufswegen und Straßen, die am kommenden Wochenende wieder übervoll sein würden, liegt das Kloster der Klarissen-Kapuzinerinnen von der Ewigen Anbetung in Mainz. Gymnasiumstraße so heißt die Adresse schlicht und genauso schlicht ist auch der Eingang, die Öffnung in der Mauer, durch die man in einen wunderschönen Garten tritt.

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Dort in einer Laube erwartet mich Sr. Franziska Katharina zu einem Gespräch, in dem sie mir von ihrem Orden, dem Kloster und ihrem eigenen Weg dahinein erzählen wird.

Sr. Franziska Katharina in der LaubeIch bin beeindruckt von diesem Garten, was Sr. Franziska Katharina schmunzelnd wahrnimmt:

Das ist hier aber auch eine besondere Ecke. Sonst hat man ja immer die Häuserfront von gegenüber vor Augen und hier ist das Eckchen, da wird man auch von niemandem gesehen.

Hier hält Sr. M. Franziska Katharina gerne Betrachtung, wenn dann ab 15 Uhr der Brunnen angeht, kann sie hier gut für sich und mit Gott sein.

„Wir werden immer bedauert, dass wir nie rausgehen können, in die Natur oder in den Urlaub fahren können, dabei ist hier jede Ecke so anders, jede Pflanze so anders, da ist so eine Vielfalt drin.
Ich bezweifle, dass die Menschen, die drei Wochen nach Spanien oder in die Südsee fahren, erholter sind, als wenn ich hier arbeite. Ich will das nicht verallgemeinern, aber es ist nicht der Weg zum Glücklichsein, die Weite zu haben.“

Man hört ein Hupen im Hintergrund.
„Aber es ist auch interessant hier am Strom der Zeit zu sein, die Menschen laufen ja hier wirklich vorbei und doch so zurückgezogen sein zu dürfen. Wenn der Brunnen plätschert, höre ich das auch manchmal gar nicht mehr und ich könnte dann hinterher gar nicht sagen: war jetzt viel Verkehr oder war keiner.
Am Anfang stört es vielleicht noch, aber wenn man dann wirklich in die Begegnung mit Gott hineingeht, dann ist man wie in einem Schlupfwinkel unserer Welt, wo man nicht gestört werden kann.“

Wobei der Garten ja schon auch so gestaltet ist, dass das möglich ist.
„Ja, das ist das Prinzip dieses Gartens. Er ist so etwas wie der äußere Rahmen. Früher, als hier noch kein schöner Garten angelegt war, war das hier eine Wüste aus Kieselsteinen. Da saß ich auch öfter hier, mitten im Unkraut. Das lud jetzt nicht gerade zum Verweilen ein, aber da kommt es dann darauf an, ob man sich innerlich disponieren kann.

Das Äußere hilft, aber ich darf natürlich nicht so vom Äußeren abhängig sein, dass jede Fliege oder jedes Flugzeug mich dann herausreißt und nervt.


Äußerlich ist es die Gestaltung, innerlich die Disposition, dass ich mich disponiere und mich disponieren lasse. Das ist ein Übungsfeld, bis zum letzten Atemzug.“

Man wächst darin?
„Ja, wie in jedem Leben gibt es da Wellen und Kurven. Man fällt auch mal wieder zurück. Man hat ja auch eine Tagesform, an einem Tag fällt es einem leichter, an einem anderen schwerer. Da hilft dann schon mal die äußere Form des Gartens oder auch der Kapelle.
Und dann ist ja auch unsere Lebensform eine Art der Gestaltung. Der Tagesrhythmus gestaltet ja auch mein Leben. Das ist dann auch eine Hilfe, in dieser Sammlung zu bleiben. Die Voraussetzung dafür ist dann aber, dass man überhaupt kontemplativ leben kann.

Kontemplativ – da steckt ja das Wort drin con –templare, d.h. im Tempel bleiben, mit Gott in einem Haus wohnen, sozusagen.

Das ist ja nicht nur das Gebäude, sondern ich will ja dieses Haus sein, in dem er sein darf und dazu brauche ich natürlich auch eine Struktur von außen und von innen. Das ist natürlich in einem Kloster noch einmal leichter machbar. 
Als Familienmutter kann man sich noch so oft vornehmen, ich halte dann meine 10 min Stille und dann kommt ein Kind früher von der Schule heim und sagt: „Hallo Mama, da bin ich schon! Freust du dich?“ Und schon ist alles vorbei. In diesem Rahmen ist das viel schwerer.
Es ist eine Hilfe für uns in dieser Lebensform und in dieser Umgebung zu leben. Es ist alles darauf hin geordnet.“

Und dann erzählt Sr. Franziska Katharina etwas zur Ordensgeschichte. Ich habe die Infos dazu einmal zusammengefasst:

 Klarissen-Kapuzinerinnen – Was steckt hinter dem Begriff?

Klarissen
• Sie führen ein Leben nach der Regel der hl. Klara (1193/94 geb.).
• Die hl. Klara wird oft im Schatten vom hl. Franziskus gesehen, ist aber sehr eigenständig gewesen und hat auch Franziskus geprägt.
• Im Mittelalter entstanden somit zwei Orden:
1. Orden: Franziskaner (später dann auch die Kapuziner und Minoriten)
2. Orden: Klarissen (später dann auch die Klarissenkapuzinerinnen)
• Erst auf dem Sterbebett wurde der hl. Klara vom Papst erlaubt: Sie und die Schwestern dürfen nach der Regel leben, die Klara aufgeschrieben hat.

Kapuzinerinnen
• So wie die Kapuziner (ab 1526) sich entgegen der Missstände im Orden der Franziskaner wieder mehr auf die Ursprünge ihres Ordens und auf Franziskus besinnen wollten, haben das auch die Frauenorden der Klarissen gemacht.
• Rückbesinnung auf die Regel der hl. Klara und vor allem auf Kontemplation und das Armutsgelübde.
• Maria Longo – eine betuchte Witwe in Neapel gründete ein Krankenhaus, gab Kapuzinern dort eine Unterkunft und lernte so deren Spiritualität kennen.
• Sie gründete den Orden der Klarissen-Kapuzinerinnen (1535).
Missstände:
• Viele Klarissenklöster entschieden sich nach der sogenannten Urbanregel
(Papst Urban IV.) zu leben, das erlaubte ihnen Besitz.

Am Beispiel von Mainz heißt das:
• Es gab die sogenannten Reichklaren, das waren Klarissen, die lebten nach der Urbanregel, d.h. sie hatten ganz viele Ländereien auch im Rheingau und im Taunus und haben sich damit finanziert. Sie lebten von den Pachterträgen und den Zinsen, das war ähnlich wie eine Abtei.
• Problem: Es traten auch viele Adlige ein mit Schenkungen. Das führte zu Klassenbildungen innerhalb der Klöster (Adlige, mit eigenen Bediensteten, eigenen Roben, eigene Bereiche im Kloster,…
• Es gab dann auch die sogenannten Armklaren, das Armklarakloster in der Klarastraße (heutige Antoniuskirche),die lebten wirklich nach der Regel der hl. Klara, in größter selbstgewählter Armut.

Auch für das Haus in Mainz gilt:
„Wir haben keinen Besitz und wir streben auch nicht danach Besitz zu erwerben. Wir zum Beispiel haben das Kloster damals gekauft vor 155 Jahren, aber es wurde dann irgendwann dem Bistum übergeben. Wir bezahlen zwar die Reparaturen, die Grundsteuer und die ganzen Nebenkosten, aber Eigentümer des Hauses sind wir nicht.
Und dadurch gehört man ganz und gar Gott. Franziskus sagt: Wenn ich Besitz habe, dann brauche ich Waffen, um ihn zu verteidigen. Dann habe ich schlaflose Nächte und die hat er uns damit erspart.
Wobei materiell arm, in dem Sinne wie Klara das gemeint hat, sind wir gar nicht, weil so viele Menschen es gut mit uns meinen. Aber dafür spüren wir die Armut dann woanders.
Vor 200 Jahren waren die Sorgen: Wie bekommen wir all die vielen Schwestern satt. Heute bekommen wir so viel, dass nicht nur unsere Schwestern satt werden, sondern wir auch weitergeben können. Und das ist auch wieder franziskanisch. Wir teilen dann den Reichtum, weil wir arm bleiben wollen.
Es ist manchmal ein wenig schwer das den Menschen beizubringen. Sie wollen uns oft etwas Besonderes geben, etwas, was wir uns nicht leisten können. Und dann sagen wir auch manchmal: Wenn Sie uns Obst geben, dann ist uns das viel lieber. Das ist etwas Gesundes, Vernünftiges und es ist kein Luxus.“

Das zeigt aber, dass Sie für die Menschen, die Ihnen so zugetan sind, offenbar eine ganz wichtige Aufgabe übernehmen. Sie nennen sich ja die Klarissen-Kapuzinerinnen von der Ewigen Anbetung.

„Nicht alle Klarissen-Kapuzinerinnen haben die Ewige Anbetung. Das ist bei uns hier in Mainz so. Alle Klarissen haben das sogenannte Gebetsapostolat. Davon spreche ich gerne, auch wenn wir ja kein im engeren Sinn apostolisch tätiger Orden sind, wie Ordensgemeinschaften, die Krankenhäuser, Schulen oder Kindergärten oder andere soziale Einrichtungen haben. Wir sind nur kontemplativ, aber wir haben auch ein Apostolat, d.h. wir verkünden das Evangelium, wenn wir die Armut leben, das was Jesus auch gelebt hat. Wir wollen so wie Jesus leben und das tun wir immer besonders, wenn wir im Evangelium hören: Jesus zog sich auf einen Berg zurück, um zu beten.

Wir leben damit eine der Facetten im Leben Jesu.


Dazu gehört für uns auch, für jemanden zu beten. Manche können nämlich nicht mehr beten. Die sagen: Nach diesem Schicksalschlag kann ich nicht mehr beten. Dann bete ich an deren Stelle und das ist nicht ohne Wirkung, davon bin ich überzeugt.“

Sie sind damit so etwas wie die Zeuginnen für die Wirksamkeit von Gebet und die Hoffnung darauf?
„Aber auch Zeuginnen dafür, dass es da jemanden gibt, also Gott und nicht einfach etwas, irgendeine Macht oder Kräfte sondern wirklich einen personalen Gott, mit dem ich sprechen kann, der auf unserer Augenhöhe steht, der dafür Mensch geworden ist. Also wir wollen nicht nur dafür stehen, dass es schön ist, ein zurückgezogenes Leben zu haben, sondern wir stehen dafür: es gibt da etwas, an dem wir uns festhalten können.“

Eine echte Adresse also, da kommt etwas an, wenn ich bete.

Eine Adresse, das ist schon wichtig. Wenn ich die nicht habe, dann gibt es ja nur mich.

Dass da ein Gegenüber ist, geht so ein bisschen verloren in unserer Zeit. Und ich glaube, es ist auch wichtig, das den Menschen zu zeigen. Und wenn ich so auf die Straße gehe, dann benenne ich das ohne Worte: Ich bin jemand, der mit Gott in Verbindung ist. Deswegen ist es für mich wichtig, dass ich den Habit eben nicht ausziehe, wenn ich auf die Straße gehe, auch wenn ich mal gerne Jeans getragen habe.
Es ist mein Beruf.
Ich werde immer gefragt, was denn mein Beruf ist oder war. Mein Beruf war Lehrerin. Auf dem Papier bin ich das natürlich immer noch. Aber jetzt stehe ich im Kloster, mein Beruf ist Schwester und meine Tätigkeit ist das Beten. Fünfeinhalb Stunden am Tag, ganz konkret in der Kapelle aber auch darüber hinaus. Wenn ich im Garten arbeite, dann ist das für mich Gebet. Auch wenn ich am Laptop sitze zum Beispiel. Darüber hängt das San Damiano-Kreuz und dann kann ich ihm direkt in die Augen sehen, bei meiner Arbeit. Das ist Gebetszeit für mich. Mir ist wichtig, das den Menschen vorzuleben.
Am Tag der offenen Klöster kommen zum Beispiel zig Menschen zu uns in den Garten, die mit Kirche nichts zu tun haben, die nur kommen, weil draußen ein Schild steht: Klostergarten geöffnet.
Und dafür da zu sein, das ist schon eine große Chance, in Berührung zu kommen mit den Menschen, trotz unserer Klausur.“

Kloster Ewige Anbetung aus Garten

Vielleicht liegt es auch daran, dass man diesem Ort anmerkt, dass er bebetet wird. Das ist zu spüren. Gerade wenn man dann von außen kommt, durch diese fast unscheinbare Öffnung in der Mauer und dann auf diese Kirche trifft, dann hat das schon eine sehr eindrückliche Wirkung.

Ja, ich bin davon überzeugt, dass das Gebet zu spüren ist. Es gibt ein Zitat von Bischof Ketteler, er hat uns ja mitbegründet sozusagen. Sein leiblicher Bruder war Kapuziner und dessen Mitbruder Bonifatius haben sich überlegt, dass es wichtig ist, ein Kloster hier zu gründen. Und Bischof Ketteler ging hier ein und aus, er hat jede Profess vorgenommen, jede Einkleidung, jede Beerdigung, war Beichtvater. Er ging ganz oft in die Kapelle zum Beten, auch wenn er keinen Dienst hatte. Und als er mal gefragt wurde: Warum gehen Sie eigentlich immer in die Ewige Anbetung? Da sagte er: Weil hier die Wände so warm gebetet sind. Das ist ein so schöner Satz. Und auch Weihbischof Guballa kam sehr oft zum Gebet hierher, war oft in der Kapelle. Dieser Ort war für ihn eine Kraftquelle, so hat er es einmal gesagt. Er spürte richtig, dass hier Gottes Gegenwart anwesend ist.
Und die ist ja hier bei uns konkret zu sehen. Wir sehen zwar nicht Gott als Gott, wir sehen ihn in einer verborgenen Gestalt, als kleines Stückchen Brot, also Armut in pur – ärmer geht es ja gar nicht.
Uns ist das so wichtig, dass wir in dieser Kapelle dieses Stück Brot nicht nur im Tabernakel sondern in der Monstranz haben, zu sehen für jeden, der rein kommt und immer ist eine Schwester da, die davor kniet. Bis zum zweiten Weltkrieg war das sogar auch nachts der Fall. Das ist auch nochmal ein eigenes Apostolat.
Viele fragen: Ja, dürfen wir denn da hinein? Das ist doch ihre Kapelle. Nein, auch Sie dürfen da rein! Die Tür ist nie abgeschlossen, außer nachts. Sie dürfen rein, so oft Sie wollen, wir möchten diesen Raum teilen. Wir geben damit ein Zeugnis ab, dass Gott da ist und wir ihn nie allein lassen. Wir möchten den Menschen durch unsere Präsenz zeigen: da ist jetzt etwas Besonderes.
Waren Sie schon einmal in unserer Kapelle?

Wenn man hinein geht, muss man sich zunächst umdrehen und sieht erst dann die schmuckvolle Monstranz, die im Licht steht. Die Menschen wissen dann: Hier ist etwas Heiliges.

Das hat ja auch wieder etwas Zeichenhaftes im Blick auf den Menschen, der sich ja auch erst einmal nach Innen kehren muss, umkehren muss, um etwas wahrnehmen und sehen zu können, was einem, wenn man einfach nur geradeaus geht, vielleicht verborgen bleibt.

„Ja, man muss wirklich bewusst hinschauen. Es fällt einem nicht sofort ins Auge.
Ich bin davon überzeugt, Gott ist mit jedem einzelnen Menschen unterwegs, aber viele Menschen sehen ihn nicht, weil man sich im Leben manchmal auch umdrehen muss.“

Von dieser Hoffnung und von diesem Glauben waren wohl auch die Schwestern Ihrer Gemeinschaft erfüllt, die gegen Ende des zweiten Weltkrieges hier gelebt haben und hier gestorben sind. Auch ihr Tod war ein großes Zeichen. Erzählen Sie uns doch bitte diese Geschichte.

Am 27. Februar 1945 kam es zu den schwersten Luftangriffen auf die Mainzer Innenstadt. Der Keller unseres Hauses gehörte zu einem System von Luftschutzkellern, die aufgesucht wurden, wenn es zu Angriffen kam. Die Äbtissin trug an diesem Tag das Allerheiligste und den Speisekelch mit den konsekrierten Hostien nach unten in den Keller, wo es für solche Situationen einen Altar gab.
Im Gebet harrten die 44 Schwestern aus, bis der Angriff vorüber war. Auch einige Zivilisten waren in diesem Keller dabei.
Nach dem Angriff wollten einige Schwestern nach oben, um nachzusehen. Aber oben tobte eine Flammenhölle und so kehrten alle bis auf drei Schwestern in den Keller zurück.
Das Kloster war nicht zu retten und am Abend stürzten dann die Klostermauern über dem Keller ein.
Das tobende Feuer entzog aber allen Räumen, so auch diesem Keller den Sauerstoff.
Erst am anderen Morgen konnte man zu dem Keller vordringen und man fand ein ergreifendes Bild vor, es war wie ein Wunder: Man sah die 41 Schwestern aneinander gestützt in der Gebetshaltung verharrt. Keiner der Schwestern war Panik anzusehen. Der Speisekelch und die Monstranz waren leer. Sie hatten Jesus nicht alleine gelassen und er die Schwestern nicht.
Sie haben ihn wohl solange als Wegzehrung empfangen, bis sie ihm dann im Augenblick ihres Todes tatsächlich begegnen konnten. Mit ihnen starben auch sieben Zivilisten.
Die Schwestern haben im Krieg immer gebetet, dass sie sich gerne zum Opfer darbringen würden, damit der Krieg ein Ende nimmt. Ich bin davon überzeugt, dass genau das geschehen ist, an diesem Abend des 27. Februars 1945.

Und dann erzählt Sr. Franziska Katharina noch etwas zum Haus und zu Ihrer Gemeinschaft heute, hier in Mainz.

• Das benediktinische „Ora et labora“ gibt die Tagesstruktur vor.
• Etwa fünfeinhalb Stunden Gebetszeit wechseln sich mit fünfeinhalb Stunden Arbeitszeit ab, wobei das Gebet den ganzen Tagesablauf durchzieht.
„Wir sind natürlich in unseren Arbeitsprozessen nicht so abgelenkt durch äußere Einflüsse, wie zum Beispiel eine Ordensschwester, die in einem Krankenhaus arbeitet.“
• Die Klarissen-Kapuzinerinnen sind demokratisch strukturiert: es gibt formell eine Äbtissin, intern ist sie „unsere ehrwürdige Mutter“ .
• Gewählt wird alle drei Jahre und jedes Kloster völlig autark
• Es gibt keine Generaloberin.
• Die Äbtissin leitet das Kloster formell, sie arbeitet aber mit zwei Ratsschwestern zusammen.
• Alle Entscheidungen, die das Kloster betreffen, trifft das Kapitel aus allen Schwestern, die die ewige Profess haben, in Mainz sind das zur Zeit 5 Schwestern.
• Das betrifft auch die verschiedenen Arbeiten, Aufgaben und Ämter im Haus, wie z.B.: Pförtnerin, Sakristanin, Küchenschwester, Sekretärin, Gartenschwester, Noviziatsleiterin.
Spezielle Aufgaben in Mainz: Geistliche Begleitung, Begleitung von Firm- und Kommuniongruppen, Mitwirkung bei Radio Horeb, der Internetauftritt.

Das klingt modern, finde ich. Sr. M. Franziska Katharina zuckt bei dem Wort „modern“, macht dann aber deutlich, was sie dazu denkt:

Wir können uns vor dem Zeitgeist nicht verschließen, das wäre sehr rückständig. Wir wurden als Ordensgemeinschaft vor 800 Jahren, im Mittelalter, gegründet. Wenn wir dabei stehen bleiben und uns nicht dem, was in der Zeit ist, öffnen, dann leben wir an den Menschen vorbei. Dann können wir zwar mit Gott leben, haben schöne Oasen und Inseln, aber das wäre sehr egoistisch.

Nur Gott und mich zu sehen, das wäre auch überhaupt nicht klarianisch auch nicht jesuanisch.


Wir bemühen uns tatsächlich um Offenheit, aber wollen eben auch nicht einfach mit dem Zeitgeist gehen. Auch dass es den Internetauftritt gibt, ist uns schon wichtig, aber wenn Sie mal schauen, wir haben da nicht die modernsten Dinge drin. Man müsste sich ja dann ständig damit beschäftigen, um in diesem Strom mit zu schwimmen. Das würde viel zu viel Energie kosten, die man für etwas anderes brauchen könnte. Wir haben auch kein Iphone und es hat auch nicht jede Schwester eine Emailadresse, das brauchen wir nicht. Was wir brauchen ist da. Auch das Onlinebanking ist ganz toll für die Klausur, man braucht jetzt nicht mehr zur Bank zu gehen.“

Fünf Schwestern, bei aller Fluktuation, die es sicher auch früher immer schon gab – das ist nicht viel. Sr. M. Franziska Katharina sieht Gründe dafür:

„Es ist heute auch sehr schwer, einen solchen Schritt in ein Kloster zu gehen. Ich denke schon, dass die Herausforderungen heute größer sind als früher. Wenn ich an die älteren Schwestern hier denke, die haben hier genau das Gebetsleben vorgefunden, das sie von zu Hause aus schon gekannt haben, in der Kirchengemeinde erlebt haben. Das ist ja heute ein Sprung ins Wasser.
Welche junge Frau kennt es, in die Vesper zu gehen, oder den Rosenkranz zu beten? Wer geht denn heute schon jeden Sonntag in die Kirche? Wenn jemand keinen Bezug dazu hat, wird es schon schwer.
Im Priesterseminar erleben wir das ja auch. Da bekommen die jungen Männer jetzt so einen Vorkurs über ein Jahr, bevor sie mit dem Studium anfangen, damit sie da überhaupt erst einmal eine spirituelle Ebene erleben und auch spüren, was es mit einem macht. Das ist ja keine Pflichterfüllung, kein Abhaken.

Es geht ja darum, dass ich Gott lobe und entdecke in den Psalmworten und dass ich meine Sehnsucht da hinein legen kann. Aber das muss man erfahren.


Deshalb sind wir auch offen für junge Frauen, die das einfach mal erleben möchten. Klosterleben kann man nur im Kloster erleben. Man kann theoretisch nicht spüren: fühle ich mich berufen.
Und man sollte auch mit jemandem darüber sprechen, mit einem geistlichen Menschen möglichst, das kann ein Pfarrer, aber auch eine Gemeindereferentin sein, jemand, der mich kennt, zu dem ich Vertrauen habe, und der etwas mit Gott anfangen kann.“

Wie war das denn bei Ihnen? Wie sind Sie da gelandet, wo Sie nun sind?

„Das ist ein Wunder, kann ich nur sagen. Da hat Gott gezogen, entgegen meinen Vorstellungen, meinen Plänen und auch meinen Wünschen.
Um hinten anzufangen: Ich bin mit 33 Jahren eingetreten. Da war ich also wirklich schon bei vollem Bewusstsein erwachsen. Jesus ist mit 33 gestorben und da habe auch ich ein neues Leben begonnen.
Ich hatte meinen Traumberuf und ich denke die normale Vorstellung wie eines jeden Jugendlichen war es: zu heiraten, Kinder zu bekommen. Und für mich war das klar: den Beruf und Kinder kann man als Lehrerin ja gut verknüpfen. Das war für mich eigentlich selbstverständlich, es gab für mich nichts anderes. Ich kannte gar keine Ordensschwestern. Ich kannte das vom Hörensagen, dass es das mal gegeben hat, im Mittelalter. Für mich war das aber keine konkrete Realität für heute.
Wenn mir damals beim Abitur jemand gesagt hätte, ich werde mal Nonne, dann hätte ich gesagt: Nie! Da hätte ich darauf wetten können. Ich hatte überhaupt keine Ambitionen.
Ich bin schon immer gerne zur Kirche gegangen und habe auch schon vor meiner Erstkommunion meine Beziehung zu Gott gepflegt, wie das als Kind eben so möglich war.

Ich kann mich noch erinnern, wenn ich von der Situation bei der Kreuzigung Jesu gehört habe, wie die Jünger dann so weggelaufen sind, da habe ich ihm so im kindlichen Enthusiasmus gesagt: Also ich werde dich nie allein lassen. Aber dieser Satz hat mich nie so ganz losgelassen.


Ich wollte immer ein guter Christ sein, aber mehr auch nicht. Und so bin ich in den Beruf eingestiegen, die Familienplanung war auch schon gesichert, so dass ich mir vorstellen konnte, mit diesem Mann eine Familie zu gründen. Das war für mich derartig selbstverständlich, dass ich, als es dann in die Brüche ging, plötzlich vor dieser Wand stand und da musste ich mich rumdrehen und den Weg anders weiter gehen. Und durch diese Kehrtwendung ist der Blick auf Gott frei geworden.
Ich bin immer nach St. Stephan wegen der Chagallfenster gegangen, die haben mir immer so gut gefallen. Den Kreuzgang dort hatte ich lange Zeit nicht entdeckt. Den habe ich durch Zufall entdeckt, als ich mal wegen einer lauten Führung einen stillen Ort dort gesucht hatte. Das war dann eine wunderschöne Atmosphäre und da kam mir zum ersten Mal der Gedanke: Kreuzgang, das hat doch etwas mit einem Kloster zu tun. Das war so eine Art Initialzündung.
Ich sah dann mal eine Klarissen-Kapuzinerin, die zum Arzt gegangen ist, da wusste ich noch nicht, dass es hier ein Kloster gab. Ich fuhr mit dem Fahrrad an ihr vorbei und hatte dann auf einmal den inneren Impuls: Sprich die doch mal an. Und ich habe gespürt: Jetzt oder nie.
Und dann habe ich sie angesprochen. Ich wusste gar nicht was ich sagen soll und so habe ich sie gefragt: Sind Sie eine Nonne? Was für eine Frage, natürlich, das war ja zu sehen. Wo denn? Na, da bei der Ewigen Anbetung, in der Gymnasiumstraße. Kann man da rein? Ist es da auch still? Ja, die Kapelle ist immer geöffnet, Sie können da immer reingehen.
Dann bin ich mit dem Fahrrad hierher gefahren und ich kann es nicht anders sagen: es war wie ein Sich-Verlieben. Ein Ort, an dem die Monstranz außerhalb von Fronleichnam zu sehen war, das war für mich neu. Und ich war schon mal verliebt, aber dieses Gefühl war wirklich noch stärker. Und das hat mich dann nicht mehr losgelassen. Ich habe mich dagegen gewehrt, aber ich bin immer wieder in diese Kapelle gegangen, die hat mich gezogen, das war wie ein Magnet. Ich konnte mich nicht dagegen wehren. Die Vernunft hat gesagt: Du bist verrückt.
Und dann habe ich mir ein Buch gekauft: Frauenorden in Deutschland. Wenn, dann wollte ich Nägel mit Köpfen machen. Was würde denn zu mir passen, habe ich mich gefragt. Natürlich ein Orden mit Schule. Die Maria-Ward-Schwestern, das wäre doch was. Also, lieber Gott, wenn das mit der Familie nicht dein Plan für mich ist, dann ist der Maria-Ward-Orden doch vernünftig.
Dann bin ich mit dem Fahrrad zu den Maria-Ward-Schwestern gefahren. Dort am Kloster war eine Klingel. Ich habe mein Fahrrad abgeschlossen, ich habe den Daumen auf diese Klingel gelegt, aber ich habe nicht durchgedrückt. Ich weiß nicht, wie lange ich so da gestanden habe. Ich konnte nicht drücken. Das war genauso wie dieser Impuls auf dem Fahrrad.
Dann bin ich wieder aufs Fahrrad und hierher in die Kapelle gefahren, zur Ewigen Anbetung und habe festgestellt: Hier bin ich zu Hause.
Das hat mich dann noch viel Schweiß gekostet, das meiner ganzen Familie und meinem Freundeskreis klar zu machen. Das war ein ganz schönes Drama: Ich will doch Enkelkinder von dir haben. Das war so das wichtigste Argument: Jetzt vermiese ich meinen Eltern die Großelternfreuden. Ich habe ja noch zum Glück zwei Geschwister, aber für meine Eltern war das schon schlimm.“

Vielleicht auch, weil es Menschen gibt, die sich nicht vorstellen können, dass man auf diese Weise glücklich wird.

Ja, aber genau das war der Punkt, der dann meine Eltern irgendwann überzeugt hat, als sie gemerkt haben, dass ich glücklich bin. Dann war es gut.

Sie haben sich zuerst sehr dagegen gewehrt, wie als wollte ich in eine Sekte eintreten. Sie haben wirklich massivst versucht, mich zurück zu halten.
Ich war immer ein sehr braves und meinen Eltern zugetanes Kind, aber davon konnte ich nicht mehr lassen. Das war wirklich keine Vernunftentscheidung. Da hat Gott gerufen und kein Mensch. Als ihnen klar wurde: ich bin nicht beeinflusst worden von den Schwestern, sondern es war meine Entscheidung und ich bin da glücklich, da konnten sie es langsam akzeptieren. Ich kann nicht anders als von Berufung sprechen, auch wenn man das Wort heute nicht mehr so gerne hört. Denn Berufung setzt voraus, dass es da einen Gott gibt, der einen Plan mit einem hat. Aber man ist heute gerne ein selbstbestimmter Mensch, der sein Leben selbst in die Hand nimmt. Gott hat uns Freiheit geschenkt. Was bringt mir das? Was habe ich davon? Das sind die Fragen, die aufkommen und nicht: Gott hat einen Plan gegen meine Vorstellungen.
Auch meine Kollegen haben das in Frage gestellt: Ausgerechnet du! Du bist doch die geborene Lehrerin. Was könntest du da wirken! Da könntest du so viele Menschen zu Gott führen. Da kann ich nur sagen: Wenn ich mehr Menschen zu Gott führen könnte an der Schule als im Kloster, dann hätte Gott mich an der Schule gelassen. Ich bin fest davon überzeugt: Ich kann jetzt mehr Menschen erreichen als in der Schule. Es ist schwer, das in Worte zu fassen. Es ist einfach eine Gotteserfahrung.
Auf meinem Lebensweg habe ich so sehr Gott erfahren, dass ich nicht mehr von ihm lassen kann.
Wenn zwei Menschen sich lieben, dann kann es vorkommen, dass der eine den anderen verlässt. Der andere ist dann ohnmächtig, der kann ihn dann ja nicht halten. Was ich sagen will: Bei Menschen ist es etwas Gegenseitiges, aber es sind auch zwei Parteien, die dran bleiben müssen, an der Liebe festhalten müssen. Wenn einer den Weg verlässt, dann ist der andere vor vollendete Tatsachen gestellt. Bei Gott ist das nie möglich, bei Gott gibt es nur diesen einen Unsicherheitsfaktor, nämlich mich. Gott wird mir nie den Rücken zukehren und sagen: So jetzt lasse ich dich fallen. Gott liebt eben jeden am meisten. Ich kann mich auf seine Liebe verlassen und es liegt nur bei mir, ob ich auf dem Weg bleibe.

Sr. Franziska KatharinaEr ist der einzige, der zu dieser un-bedingten Liebe, also Liebe ohne Bedingungen fähig ist.
Er ist treu und er nimmt sein Wort nicht zurück. Das erlebe ich jetzt schon seit zwanzig Jahren. Nicht immer in der gleichen Intensität natürlich.

Manchmal ist es ein Glauben auf den Wolken und dann manchmal auch – wie unsere Mutter Theresia es zu sagen pflegt – ein Hineinglauben ins Dunkle. Ich sehe und höre ihn dann zwar nicht, aber ich weiß, er ist da.

 

 

Sr. M. Franziska Katharina Spang im Gespräch mit Stephanie Rieth

weitere Informationen unter: Klarissen-Kapuzinerinnen Mainz

 

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