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Vom Tellerwäscher zum Millionär – Eine Sternsingergeschichte

Oder: Katastrophenmanagement ist nicht gleich Planung

Kennst Du folgendes? Du wirst gefragt, ob Du eine Aufgabe übernehmen willst. Es ist eigentlich nur etwas Kleines und die anderen haben schon fast alles geregelt. Du nimmst an und hoppla, Du stellst fest, dass das gar nicht stimmt? So ging es mir Mitte Dezember und warum erfährst Du hier.

Aber nun erstmal zu meiner Person: ich heiße Sebastian und komme aus dem Odenwald, genauer gesagt aus dem Pfarreienverbund, in dem der Tom seinen Freiwilligendienst Pastoral leistet. Mich hat es allerdings nach Ingelheim verschlagen und dort habe ich mich auch schon ganz gut eingelebt und einiges sehr Erfreuliches und Tolles erlebt, aber das ist eine andere Geschichte.

„Willst Du nicht die Sternsingeraktion in St. Remigius übernehmen?“ – Mit diesem Satz begann für mich, in der besinnlichen Adventszeit, eine kleine Katastrophe, aber dass sollte ich da noch nicht wissen.

Gesagt wurde er von unserem Gemeindereferent. Dabei ging es um zwei Dinge, erstens wäre es doch für mich sicher eine tolle Erfahrung, mal in einer fremden Pfarrei hinter die Kulissen zu schauen. Zweitens würde ich wohl besser mit den Jugendlichen im Planungsteam auskommen als unser Gemeindereferent, einfach weil ich jünger und näher dran sei. Und da ich sowieso kein größeres Projekt in der Zeit hatte und es mich auch reizte zu erfahren, wie die Aktion hier läuft, sagte ich ja.

Es ist ein junger Mann zu sehen, der über einen Tisch voller Unterlagen gebeugt ist. Er ist konzentriert und füllt eine Liste aus. Es geht um die Sternsingeraktion.

Ein guter Plan ist die halbe Miete…

Ich bekam eine Liste mit offenen Fragen und die Emailadressen zweier junger Damen. Die fragte ich erst mal, ob sie die Richtigen seien und in der Planung mitmachten und wie es aktuell so um die Planung stünde (es ist ja schon Mitte Dezember). Wir tauschten ein paar Mails aus und vereinbarten ein Treffen in der letzten Adventswoche.

Wir trafen uns im Pfarrbüro, ich hatte die aktuellsten Daten die ich bekommen konnte, vor mir liegen (von 2010 bis 2012) und ein paar weitere zu klärende Punkte notiert. Und es stellt sich heraus: ich saß nicht vor dem erfahrenen Planungsteam, dass ich tatkräftig unterstützen wollte, sondern vor zwei Gruppenleiterinnen die mir ihre Hilfe und Erfahrung anboten. Dazu ist zu sagen, dass die Aktion letztes Jahr wohl sehr vorbildlich geplant war, die beiden Planer sich aber jetzt im Abitur befinden. Gut, nicht ganz das, was ich erwartet hatte, aber wird schon, die Punkte klärten sich recht schnell, wir besprachen, wie wir so kurz vor den Ferien noch die Kinder erreichen wollten. Danach gingen wir uns noch schnell die Gewänder, Sammelbüchsen, etc. anschauen und erlebten eine böse Überraschung: Die Untergewänder vom letzten Jahr waren nicht gewaschen, es fehlten einige Kleinigkeiten, aber alles war entweder nicht so schlimm oder ließ sich noch beheben.

Wie soll das noch funktionieren?

Mein neues Jahr begann mit unserem dienstäglichen Dienstgespräch, meine wichtigste Frage war: „Wie viele Kinder hatten sich gemeldet?“ Kurzes Zettelknistern – es waren sechs Anmeldungen, aber ich sollte mir keine Sorgen machen, es kämen immer noch viele unangemeldet. Und morgen sei ja erst Anmeldeschluss und der Bildungstag. Naja, ich war mir nicht so sicher, ob das alles klappt.

Doch noch Hoffnung?

Um die Sternsinger auf ihre wichtige Aufgabe einzustimmen, gab es ja immer viel Bildungsprogramm, dieses Jahr sollte es in Ingelheim mal nicht hauptsächlich aus „wir besprechen den Film“ bestehen. Denn die Pfadfinder vom Stamm Nikolaus von Flüe aus Ingelheim hatten sich bereiterklärt, das ganze etwas interaktiver zu gestalten. So ging es los mit einer Vorstellungsrunde: Name, Alter, Heimatpfarrei und dann beim Nachbarn in den Kragen schauen und das Herstellungsland der Pullis und T-Shirts sagen (natürlich nur im Einvernehmen). Es war einige Male Indien oder Bangladesch dabei und damit waren wir gleich beim Thema. Es folgte die Vorstellung des Beispiellandes sowie eine Erklärung, was Kinderarbeit ist und dann ein Quiz: „Ist das Kinderarbeit oder nicht?“ Nach dem vielen Sitzen folgte noch ein Bewegungsspiel.

Der Höhepunkt war das Basteln von Portemonnaies aus leeren Tetrapaks und Bällen, aus alten Fahrradschläuchen, was allen viel Spaß machte und die Sorgen über die Organisation waren vergessen. Zum Mittagessen gab es leckere Nudeln mit Tomatensoße, es wurde noch viel geredet und gealbert, bis die neuen Lieder eingeübt wurden. Zum Aussendungsgottesdient wechselten wir in die Kirche und es wurde ein schöner Gottesdienst, mit viel Gesang, einer tollen Katechese vom Gemeindereferenten und viel Vorfreude auf das Heraustragen des Segens in die Welt.

Für mich hieß es aber erstmal Gewänderausgabe, die sollte nämlich hinten in der Kirche stattfinden, zumindest für St. Remigius, also meinen Kirchort Ich bekam Hilfe von einer Mutter, da meine Kolleginnen leider beide verhindert waren. So gaben wir ein Dutzend Gewänder aus und es wurde noch ein Foto für die Zeitung mit allen Sternsingern von Ingelheim gemacht.

Erste Rückschläge

Es kann nicht immer alles so schön sein, am Abend nach dem Aussendungsgottesdienst kam eine herbe Botschaft. Eine meiner Kolleginnen sollte das ganze Wochenende nicht da sein. Also aktueller Stand: zwölf Kinder, zwei angemeldete Leiter und wir beide, bedeutet vier GruppeZu sehen ist eine Gruppe Sternsinger vor dem Portal einer Kirche. Zwei schreiben einen Segen an, die restlichen beobachten sie dabei.n, wäre machbar. Doch am Donnerstag der zweite Schlag: Die andere Kollegin konnte zumindest Freitagnachmittag nicht. Am nächsten Morgen ging es los, wir trafen uns schon früher, um alles vorzubereiten, da kam der dritte Schlag: Wir hatten niemanden mehr für das Mittagessen, da wir die Zutaten für die Pizza, die es geben sollte nicht rechtzeitig besorgt hatten. Ich begann mich zu fragen, ob ich bei „Verstehen Sie Spaß“ gelandet war…

Aber dafür war jetzt keine Zeit, die Kinder kamen gleich und die Gruppenleiter trafen ein, es waren vier, zwei haben sich am Vorabend auf die Nachricht meiner Kollegin spontan entschieden zu kommen. Wir besprachen die Gruppeneinteilung und die Bezirke, von denen ich als Ortsfremder schon mal gar keine Ahnung hatte. Die Kinder kamen, wurden verteilt, es waren wieder ein paar mehr geworden, und zogen dann in den Gruppen los.

Das Abenteuer beginnt

Für mich hieß es jetzt erstmal überlegen, was ich wegen des Mittagessens machen sollte. Ein Doseneintopf oder sowas geht immer schnell zu machen, ich fragte den Pfarrer nach meinem Budget und ab ging es mit dem Rad, im gerade beginnenden Regen, auch das noch, zum Supermarkt. Es dauerte ein paar Minuten bis ich die Abteilung mit den Konserven gefunden hatte. Da fiel mir auch schon etwas ins Auge: Chilli con Carne, das wäre doch etwas für die Kinder, also 4 Dosen Chilli, zwei Kilo Reis und ein paar Liter Wasser und Schorle gekauft. Los ging es gen Gemeindehaus, im Regen, mit zwei schweren Satteltaschen den Hügel hoch.

Ich hatte noch etwas Zeit und so konnte ich erstmal eine Tafel aufbauen und decken, langsam wurde es eng und ich begann mit dem Kochen. 3,2 Kilo Dosenchilli und anderthalb Kilo Reis, das müsste passen. Doch als ich in den Reistopf guckte und die Packung las, könnte es doch etwas zu viel Reis gewesen sein. Da wurde ein Kilo Reis für 16 Erwachsene angegeben, wir waren aber nur fünf Leiter und zwölf Kinder, ich könnte doch nicht so viel wegschmeißen.

Die Kinder kamen und hatten ordentlich Hunger, das Chilli schmeckte ihnen auch und so wurde doch alles leer und es hätte sogar etwas mehr sein dürfen.

Vom Tellerwäscher…

Ein junger Mann wäscht Geschirr in einer Gemeindeküche er lächelt in die Kamera.Endlich kommen wir zum Titel dieser Geschichte: nach dem Essen gab es nur noch eine kurze Lagebesprechung und schon waren die Kinder wieder unterwegs. Und was blieb übrig? Genau: Geschirr und Besteck. In der ganzen Hektik hatte ich natürlich vergessen, die Geschirrspülmaschine vorzuheizen und so habe ich das Geschirr für 17 Leute per Hand gespült, denn am Nachmittag wollte eine Geburtstagsgruppe aufbauen und es blieb keine Zeit zu warten. Dennoch war das die erste ruhige Stunde des Tages, und gab mir Zeit über den Vormittag nachzudenken.
Am Abend gab es dann die erste Zwischenbilanz, aus einem Gesamtplan wurden alle gelaufenen Straßen ausgestrichen und für den nächsten Tag geplant. Als alle weg waren, konnte ich endlich mal zur Ruhe kommen.

Mit neuem Mut in den zweiten Tag

Es war Samstag, der 6. Januar, Fest der Heiligen drei Könige: Bisher hatte alles ganz gut geklappt. Warum sollte es nicht wieder so sein? Da gäbe es einen Grund: Es waren nicht genug Kinder da. Und so mussten wir sehr kreativ sein, um genug Gruppen zusammen zu bekommen. So bestand eine Gruppe aus zwei verkleideten Leitern und einem einsamen, kleinen Sternsinger, das sah schon etwas komisch aus.
Diesmal war das Mittagessen im Seniorenheim vorgesehen und es gab einen Eintopf mit Hackbällchen, zum Glück hatte ich nicht auch Eintopf gemacht. Wir gingen dann auch gleich von Etage zu Etage und sangen für die Senioren. Machten noch eine Pause zum Quatschen und Spielen und dann ging es für die Gruppen wieder auf die Straße und für mich zum Planen ins Gemeindehaus.
Manchmal wird die Planung doch sehr chaotisch.Für den Nachmittag hatten wir einen Termin mit zwei Gruppen im Haus St. Martin einem, von der Caritas geführten, Haus für schwerst-mehrfach behinderte Kinder in Ingelheim. Es war für alle ein Erlebnis, für die Kinder wie auch für die Sternsinger. Und da das Haus hinter der Remigiuskirche liegt, konnten beide Gruppen auch noch die Kirche segnen. Weil es der Dreikönigstag war, gab es am Abend auch einen Gottesdienst in der St. Michaelskirche in Ober- Ingelheim (ca. 15 Minuten zu Fuß von St. Remigius). Es kamen leider nur zwei von meinen Königen, aber das haben die Ober- Ingelheimer wieder wettgemacht.

Es hatte sich langsam alles eingependelt, doch genau jetzt bekam ich die Nachricht, dass die zweite Mitplanerin krank geworden war und Sonntag nicht kommen könnte.

Sonntag selbst war dann wirklich sehr chaotisch, es gingen gleich drei Gruppen los und zwei Leiter wollten das Ende des Gottesdienstes abwarten und noch die Ministranten fragen. Drei haben sie bekommen und damit eine neue Gruppe. Das einzige Problem war wieder unser Koch, diesmal ein anderer. Er war am Nachmittag vorher abgesprungen. Also habe ich beschlossen:  das Kochen hat doch am Freitag gut geklappt, also machst Du, als Highlight, Pfannkuchen.

Es sind zutaten für Pfannkuchen zu sehen, in großen Mengen.

Weltmeister im Backen von Pfannkuchen…

Ich sage dazu nur, dass es den Kindern gut schmeckte, aber 80 Pfannkuchen zu backen, stand damit in keinem Verhältnis. Ich empfehle es niemandem das auch zu machen. 🙂

Am Montagmorgen gab es dann noch abschließend einen Termin im Rathaus und die Ober- Ingelheimer und meine Nieder-Ingelheimer Sternsinger sangen wunderbar für den Oberbürgermeister, die Bürgermeisterin und noch einige Mitarbeiter der Stadtverwaltung und segneten danach auch viele Büros. Und damit endete die Aktion für die Kinder, doch ich musste noch etwas aufräumen und das Geld zählen.

 

… zum Millionär – Schlusswort

Als Millionär gehen die Kinder aus aller Welt aus dieser Geschichte hervor, allein die Sternsinger von St. Remigius haben ca. 6 500 Euro in den drei Tagen gesammelt. Auch sie gehen als Millionär wieder nach Hause, sie haben viele Leute kennen gelernt, sich über Kinderarbeit wichtige Gedanken gemacht und natürlich auch zahlreiche Süßigkeiten bekommen. Aber auch ich gehe als Millionär aus dieser Geschichte hervor, auch wenn es sich für Dich anders gelesen haben mag. Ich habe hier eine ganz andere Form des Sternsingens erlebt als bei mir zuHause. Ich nehme sehr viele Anregungen und viel Wissen aus Fehlern mit, damit ich zu Hause was verändern kann. Vorallem, dass man nicht erst so kurz vor knapp planen sollte 🙂

Ich möchte betonen, dass es nur 5 (Zugegeben sehr stressige) Tage von 365 waren und ich habe einiges etwas überspitzt dargestellt und die mir angebotene Hilfe, vielleicht aus Eitelkeit, vielleicht aus Rücksicht nicht angenommen, als ich sie brauchte, auch das ist eine Erfahrung, die ich mitnehmen werde. Ich möchte auch noch betonen, dass das eine Extremsituation war, die wohl in kaum einer anderen Pfarrei so sein wird.

Damit wünsche ich noch einen schönen Morgen, Mittag oder Abend.

Euer Sebastian

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