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Verfolgte Christen im Irak – ein Interview

Im Rahmen unseres Newsletters greifen wir heute ein Thema auf, das zurzeit wieder eine traurige Aktualität hat: verfolgte Christen. Dies wird auch das Thema unserer Jugendvesper sein, zu der wir am 07. September um 18.00 Uhr wieder sehr herzlich in den Dom einladen.

Julien Christ/ www.pixelio.de

Julien Christ/ www.pixelio.de

Als Christ/in verfolgt sein, das ist etwas, was wir uns hier in Deutschland gar nicht vorstellen können. Aus diesem Grund haben wir Frau Hebba Malki gefragt, dass Sie uns einiges über ihre Erfahrungen erzählt.

Hebba Malki ist am 15.11.1974 in Irak, in der Stadt Mosul geboren. Sie ist dort als Christin aufgewachsen, hat Architektur studiert, musste dann aber auf Grund von Diskriminierung und Verfolgung flüchten. Seit 1999 lebt sie in Deutschland. Obwohl ihr Studium bei uns anerkannt war, hat sie hier noch einmal ein Hauptstudium in Architektur absolviert. Heute arbeitet sie in Mainz als Architektin und lebt hier mit ihrem Mann, Gabriel Malki, einem christlichen Syrer, und ihren beiden Kindern Marcel (11) und Christina (10).

1. Frau Malki, Sie sind im Irak, in der Stadt Mosul als Christin geboren. Erzählen Sie uns doch bitte etwas aus Ihrer Geschichte. Was bedeutet es im Irak als Christin aufzuwachsen? Wie hat man Ihnen als Kind den christlichen Glauben näher gebracht? Wie haben Sie den Glauben gelebt im Irak?

Ich bin als Kind katholischer Eltern im Irak aufgewachsen. Trotz der politischen Diktatur von Saddam Husain konnten wir doch unseren Glauben zuhause und in der Kirche frei ausüben.
Wir hatten keinen christlichen Religionsunterricht in der Schule gehabt, dafür durften wir in der Kirche unsere Religion lernen und ausüben.

2. Wie haben Sie die Verfolgung als Christin erlebt?

Obwohl wir als Christen zur Stammbevölkerung des Iraks gehören, sind wir permanent von unseren moslemischen Mitbürgern diskriminiert und als Ungläubige bezeichnet worden. Sie haben uns immer aufgefordert zum Islam zu konvertieren oder das Land zu unseren Glaubensbrüdern in Europa zu verlassen.
Im Juli 2007 wurde unsere Kirche von Islamisten angegriffen, dabei wurden der Pfarrer Raghid Ganni mit drei Messdienern getötet.
Im September 2008 wurde der Bischof von Mosul Faraj Raho entführt, misshandelt und getötet. Das waren mir zwei ganz nahe Personen, die auch eine große Rolle in meiner Glaubenserziehung gespielt haben.
Viele weitere Beispiele haben wir erlebt und sind durch die Presse bekannt wie der Anschlag auf die Sayidat-al-Nejat-Kathedrale in Bagdad 2010. Dabei kamen 68 Menschen ums Leben und circa 60 wurden verwundet.
Trotz dieser ungeheuren Verbrechen bleiben unsere Christen fest in ihrem Glauben, denn die Erlösung kommt durch Jesus Christos.

3. Was bedeutet es für Ihren Glauben, verfolgt gewesen zu sein?

Vor der amerikanischen Invasion in den Irak 2003 konnte man von einer Diskriminierung sprechen z.B. in der Schule, im Beruf, in der Justiz usw.
Heute sind wir bedroht in unserem Leib und Leben. Alle Existenzbedingungen sind durch IS abgeschafft worden.

4. Wie geht es Ihnen heute in Deutschland?

Wir leben Gott sei Dank in Sicherheit, aber wir tragen dasselbe Leid von unseren Angehörigen in der Heimat. Die Angst vor islamistischem Terror sitzt fest in unseren Seelen seit 1400 Jahren. Ich befürchte, dass meine Kinder dasselbe Schicksal erleben werden wie ich. Ich habe fürchterliche Angst vor dem wachsenden Islamismus und Salafismus in Europa, wenn die Europäer nicht schnell und rechtzeitig handeln.
Meine Stadt Mosul bestand bis in den zwanziger Jahren des 20-en Jahrhundert zu 80% aus Christen, heute ist Sie christenfrei. Das betrifft nicht nur meine Stadt sondern den gesamten Nahen Osten.

5. Ihr Mann stammt aus Syrien und hat ähnliche Dinge erlebt. Was bedeutet es für Sie als Familie, verfolgt gewesen zu sein?

Ja stimmt, historisch gesehen gehören Syrien und Irak zum selben kulturellen, politischen und historischen Raum von Mesopotamien und wir erleben in den beiden Ländern ähnliche Ereignisse, die unser Leben auch in Europa stark beeinflussen.

6. Sie haben noch Familie im Irak. Wenn Sie die Situation im Irak heute anschauen, was empfinden Sie da?
Empörung und Hilfslosigkeit. Die Situation ist aussichtslos. Ich habe dort eine Tante, die vor Kurzem aus ihrer Stadt Tel-Kef mit Ihrer Familie vertrieben worden ist. Ihr Haus wurde in Brand gesetzt. Sie wohnt zurzeit verzweifelt bei Ihrem Schwager in der Stadt Dohook und ist auf Hilfe angewiesen.
Viele Geistliche und Politiker fordern die Christen immer wieder auf, ihr Heimatland nicht zu verlassen um das Ursprungsland des Christentums nicht christenfrei zu lassen, aber das macht überhaupt keinen Sinn, wenn diese Leute so schutzlos gelassen werden und ihrem schwarzen und schrecklichen Schicksal überlassen werden.

7. Was wünschen Sie sich von der Kirche in der westlichen Welt?

– Die Kirche muss mehr Aufklärungsarbeit leisten, denn die Gefahr steht unmittelbar vor der Tür.
– Sie muss mehr humanitäre Hilfe für die inzwischen mittellosen Christen organisieren und sich bemühen, über die Politik zu erreichen, dass mehr christliche Flüchtlinge aufgenommen werden, denn diese Leute sind verzweifelt und moralisch zerstört. Sie werden von der eigenen moslemischen Bevölkerung verfolgt, vertrieben und enteignet. Sie fühlen sich fremd im eigenen Land.
Bevor die ISIS eindrang, haben die Imame in den Moscheen die gläubigen Muslime dazu aufgerufen, keine Immobilien von Christen zu kaufen, denn Sie würden das Land sowieso verlassen und ihren Besitz hinterlassen.
– Die Kirche muss viel mehr Druck auf die Politik ausüben:
1. Um einen Einsatz der UNO gegen IS (Islamischer Staat) zu ermöglichen und eine Schutzzone für die bedrohten Minderheiten zu errichten.
2. Um die Versorgungsströme für die Terroristen zu unterbinden, muss man viel Druck auf die Staaten ausüben, die diese islamistischen Gruppierungen unterstützen – sei es finanziell, ideologisch oder auch logistisch. Das heißt, Länder wie Saudi-Arabien, Katar oder auch die Türkei müssen aufgefordert werden, dass sie beispielsweise Menschen, die in den Dschihad ziehen wollen, nicht mehr unterstützen. Es ist auch kein Geheimnis mehr, dass die Türkei Dschihadisten und Islamisten in Krankenhäusern betreut und behandelt. Für sie sind Grenzübertritte ohne Weiteres möglich.

Das Interview führte Stephanie Rieth

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