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Leuchtgestalt Dietrich Bonhoeffer

in Anlehnung an die HR1 Sonntagsgedanken vom 05.02.2006 von Stephanie Rieth

„Von guten Mächten treu und still geborgen, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.“

Dieses Gedicht ist vielen von uns, meistens als Lied vertraut. Ich verbinde Segen damit und das unerschütterliche Vertrauen, dass Gott auf meiner Seite ist.
Dieses Gedicht ist aber vor allem aufs Engste mit der Geschichte von Dietrich Bonhoeffer verbunden, evangelischer Theologe und Pfarrer. Er hat dieses Gedicht geschrieben. Im Dezember 1944 im Bunker der Gestapo in Berlin.

Einspielung von Siegfried Fietz – Von guten Mächten wunderbar geborgen, Str.1 und Refrain

Mich beeindruckt die Geschichte von Bonhoeffer immer wieder. Das war ein Mensch, der Spuren hinterlassen hat.
1906 geboren in Breslau, im heutigen Polen, später aufgewachsen in Berlin hat er dann in Tübingen Theologie studiert. Mit 24 Jahren wurde er bereits habilitiert und arbeitete als Dozent für Evangelischen Theologie in Berlin, wurde aber auch zum Pfarrer ausgebildet. Lehrer sein und Seelsorger sein, das stand für ihn immer in enger Verbindung.
1935 schloss er sich mit großer Sorge der sogenannten Bekennenden Kirche an. In ihr taten sich die kritischen Geister zusammen, die nicht bei den „Deutschen Christen“ Mitglied wurden, der Glaubensbewegung, die von Hitler gegründet wurde. Er wollte eine Art Reichskirche schaffen, die er voll und ganz kontrollieren konnte.
Nur wenige gehörten zur Bekennenden Kirche. Sie erhoben ihre Stimme gegen die Einführung des Arierparagraphen in der deutschen Kirche. Ein Amt in der Kirche sollte demnach nämlich nur noch derjenige erhalten, der sich als arisch ausweisen konnte.
Dietrich Bonhoeffer wurde die Leitung des Predigerseminars der evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg übertragen, bis er 1937 seine Lehrerlaubnis entzogen bekam. Er war den Nationalsozialisten zu gefährlich, denn seine Haltung zur braunen Ideologie war eindeutig. Bonhoeffer ahnte, was auf Deutschland zukommen würde.
1939 besuchte er ein letztes Mal die USA. Er wurde von Freunden sehr herzlich dort aufgenommen. Er hätte dort eine neue Heimat finden können. Aber er brachte es nicht über’s Herz, seine eigene Heimat im Stich zu lassen.
Er tauschte ein Leben in Sicherheit gegen ein Leben in der Nachfolge Jesu und zwar bis zur letzten Konsequenz eines solchen Lebens.
Heldenhaft mag hier vielleicht jemand denken, oder ganz schön dumm? Ich denke, es war weder heldenhaft noch dumm. Und Bonhoeffer kehrte nicht nach Deutschland zurück um sich tatenlos dem Schicksal zu ergeben.
Seine Schwester und ihr Mann konnten ihn für den tätigen Widerstand gewinnen. Er ließ sich von der Idee anstecken, gegen die Schreckensherrschaft Hitlers etwas tun zu können. Er gehörte zu einer Gruppe von Verschwörern, die verschiedene Attentate auf Hitler planten. Natürlich hat ihn das in einen Gewissenskonflikt gestürzt: Jedes Töten widerspricht dem Willen Gottes! Du sollst nicht töten, heißt es in den Zehn Geboten schließlich. Und doch wurde für ihn klar: Dieser Tyrannenmord musste sein, um unendlich Schlimmeres zu verhindern. Bonhoeffer kommt zu dem Schluss: Es ist schlimmer böse zu sein – so wie Hitler, als Böses zu tun – so wie er und die anderen Widerstandskämpfer es planten.
Kein Gewissenskonflikt und kein Plan konnten verhindern, dass Bonhoeffer seine große Liebe fand. Er verlobte sich 1943 mit der jungen Maria von Wedemeyer, wenige Monate vor seiner Verhaftung durch die Gestapo. Sein letzter Weg beginnt. Er führt ihn zu einer langen Untersuchungshaft im Militärgefängnis von Berlin-Tegel, in das Konzentrationslager Buchenwald und schließlich in das KZ Flossenbürg. Dort wurde er dann am 9. April 1945, wenige Tage vor der Befreiung des Lagers durch die Amerikaner, auf persönlichen Befehl von Hitler gehenkt.
Von guten Mächten wunderbar geborgen.
Ich frage mich immer wieder: woher nahm dieser Mensch die Kraft in einer solch aussichtslosen Situation so etwas zu schreiben?

Einspielung von Siegfried Fietz – Von guten Mächten wunderbar geborgen, Str. 2

1944 im Dezember schrieb Bonhoeffer dieses Gedicht. Ein Fluchtversuch scheiterte, das Attentat am 20. Juli war misslungen. Zwischen Hoffnung und Verzweiflung lebte er in diesen Tagen, vielleicht ahnte er auch schon, dass der Krieg nicht mehr lange dauern konnte.
In dieser Zerrissenheit fühlt er sich von einer behütenden und tröstenden Macht umgeben. Das Gedicht verschweigt nicht die grausame Wahrheit der Situation, in der Dietrich Bonhoeffer steckt.

„Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern, des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus Deiner guten und geliebten Hand.“

Und doch bleibt Bonhoeffer nicht dabei stehen. Gott schenkt Geborgenheit, trotz allem, das setzt er dieser grausamen Wahrheit entgegen. Und Gott allein ist es, der dieser Situation Sinn zu geben vermag.

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Und dabei gibt Bonhoeffer die Hoffnung auf ein Heil, das alles besiegt, nicht auf. Bis zum Schluss glaubt er daran, dass Gott alles gut macht. Er ist fest davon überzeugt, dass auch der Mensch von Grund auf gut ist, denn er ist für das Heil geschaffen.

„Noch will das Alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach, Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil, für das Du uns bereitet hast.“

Ich empfinde diesen unerschütterlichen Glauben angesichts einer solchen Situation, in der alles auf dem Spiel steht, als ein Wunder. Unbegreiflich. Jeder Heldenmut gerät irgendwann an seine Grenzen. Dietrich Bonhoeffer übersteigt diese Grenzen seiner Angst und Verzweiflung und lässt sich von Gott tragen. Er gibt sich in die Hände der Macht, die ihn in allem Leid behütet und tröstet.

Auf den katholischen Theologen Hans Küng geht der folgende Satz zurück:

„Gottes Liebe bewahrt nicht vor allem Leid, sie bewahrt aber in allem Leid.“

Die Liebe Gottes, vielleicht ist sie das Geheimnis, das auch Bonhoeffer diese unglaubliche Kraft verliehen hat. In der Zeit seiner größten Not konnte er so Zeuge für Gott und seine Heilsgeschichte sein.

Dietrich Bonhoeffer war evangelischer Christ. Aber er ist auch mir als Katholikin ein großes Vorbild – eine Leuchtgestalt. Fast so etwas wie ein Heiliger. Übrigens ist er das auch ganz offiziell: Die katholische Kirche hat im Jahr 2000 ein neues Märtyrerverzeichnis für den deutschen Sprachraum herausgegeben. Dietrich Bonhoeffer ist dort als „Nichtkatholik in ökumenischen Gruppen“ verzeichnet.
Die katholische Kirche möchte keine Menschen anderer Konfessionen als Heilige vereinnahmen. Sie steht aber auch staunend und bewundernd vor dem Glaubenszeugnis dieses Mannes. Der Mensch ist bei Gott geborgen, immer, komme was wolle. Diese Botschaft hat er unerschütterlich verkündet, bis zu seinem Ende.

Einspielung von Siegfried Fietz – Von guten Mächten wunderbar geborgen, Str.1 und Refrain